Merke(l): Alles wird besser! (?!?)

05.09.2005 | Persönlich | 6 Kommentare | Print

In Deutschland wird versprochen, was das Zeug hält. Dabei wirken Superlative und Generalisierungen offenbar Wunder. Je offensichtlicher eine Lüge, desto glaubwürdiger. Interessant, wie weit man damit offenbar trotzdem kommt, armes Deutschland!

Bereits als in einem Sommer-Interview hat die Kanzler-Frau in Spee den obigen Satz geprägt. Eine offensichtlich so gewaltige Lüge auszusprechen, hätte vielen Menschen mindestens die Schamröte ins Gesicht steigen lassen. Bei den meisten Zuschauern jedoch scheint die Allround-Wunderpille super zu wirken. Man könnte ja darüber lachen, wenn es nicht so unglaublich wehtun würde, derart simpel verschaukelt zu werden.

»Mit uns wird ALLES besser!«

Jeder halbwegs vernunftbegabte Mensch dürfte beim aufmerksamen Zuhören die Aussichtslosigkeit der Behauptung enttarnt haben. Spätestens jeder kommunikativ geschulte Mensch erkennt, dass hier in einer kaum zu überbietenden Verallgemeinerung das Blaue von Himmel versprochen wird. Dies entbehrt jeder Grundlage.

  1. Jeder Mensch lebt unter konkreten Rahmenbedingungen.
  2. Er (allein) kann niemals ALLE Dinge ändern.
  3. Auch mit kompetenter Hilfe und unbegrenzten finanziellen Möglichkeiten muss jeder Mensch Prioritäten setzen.
  4. Erschwerend kommt hinzu, dass selbst unter diesen idealen Ausgangsvoraussetzungen nicht ALLES Bisherige gnadenlos eingestampft und anders geregelt werden muss. Warum eigentlich?

Von vornherein ist also klar: hier werden Menschen für Dumm verkauft. Was zu besten Sendezeit offiziell über den Schirm flimmert, muss doch Hand und Fuß haben, oder? Es kommt aber noch schlimmer.

Teilweise völlig unverständlich fachchinesisch fiel gestern das Fernseh-Duell aus. Auch hier steht der Mensch (und Wähler) offensichtlich gar nicht mehr im Mittelpunkt. Noch schmerzlicher aber wiegt die Erkenntnis, dass man für eine Vision und ein Wahlprogramm (als ersten Schritt) offenbar kein stimmiges Finanzkonzept mehr vorlegen muss. Ein paar halbseidene Planungen und ein Stück Papier reichen dafür locker.

Ob es besser wird, wenn es anders wird, weiß ich nicht,
dass es aber anders werden muss, wenn es besser werden soll, weiß ich.
Georg Christoph Lichtenberg

Einfach persönlich daneben

Natürlich muss sich etwas ändern, wenn es besser werden soll. Logisch, dass dies nicht ganz ohne Abschied von Gewohntem gehen kann. Aber noch immer haben wir unsere Hausaufgaben nicht gemacht. Fast sieht es aus, als hapert es bei vielen gut ausgebildeten Akademikern am simplen 1×1.
Offensichtlich geht es allen noch viel zu gut. Sonst würden sich alle konstruktiv an einen Tisch setzen, einen intelligenten Kompromiss erarbeiten und diesen zügig umsetzen.

Stellt Euch vor, Ihr sitzt in einem Auto und rast mit 200 km/Stunde auf eine Mauer zu. Alle Insassen sind sich der Tatsache bewusst. Dennoch kann ich mir schwer vorstellen, dass Ihr Euch allein darum streitet, wer an welcher Stelle des Lenkrads anfassen und wie stark auf das Gaspedal treten darf.

Vielleicht liegt es aber auch nur daran, dass man sich der Unkenntnis des kleinen 1×1 bewusst ist und deshalb alle anderen wie Schulanfänger behandelt.

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Kommentare und verweisende Trackbacks

zum Beitrag: Merke(l): Alles wird besser! (?!?)

Kommentare

1 | Frank schreibt am 06.09.2005, 15:50:

Nach meinem Eindruck waren die Schwerpunkte für die beiden TV-Duellanten:
- Viele unnötige Details.
- Viele Vorwürfe an den Gegner.
- Ja, manchmal hat der Gegner etwas mitgeholfen für ein Gesetz, aber nur ganz ganz wenig.
Schnell noch ein paar isolierte Details zur Finanzierung mehr - schon hat man möglichst viele Zuseher beeindruckt und das Duell und damit die Wahl (fast) für sich gewonnen.

Bei Kompromissen muss man doch heutzutage darauf achten, dass man bei 200 km/h noch schnell (von der Presse) geblitzt wird - und nicht der Gegner.

Und ein Win/Win Kompromiss: Muss das denn sein? Sollte man dabei nicht grundsätzlich besser als der Gegner abschneiden?

3 | Frank schreibt am 07.09.2005, 14:11:

Hallo Jörg,

bei meiner Frage fehlte der Ironie-Tag dafür, dass heutzutage jeder Politiker meint er müsse bei einem Kompromis besser als der/die andere(n) abschneiden. Irgendwann habe ich mal gelernt: Die Natur eines Kompromisses darin liegt, dass beide zufrieden auseinander gehen. Heute kommt es dazu gar nicht mehr, weil man ständig den anderen auf den Boden tritt.

Stimme Dir zu: Es wird bis zum i-Punkt über Themen geredet, die nicht relevant sind oder zu kompliziert dargestellt werden, andere Themen fallen unter den Tisch.

Grüße, Frank von INJELEA und vom Bürgerblog :-)

5 | Frank schreibt am 07.09.2005, 14:56:

@Jörg:
Mitte August bin ich über einen Blog (weiß nicht mehr welchen) auf eine News des WDR gelangt:
Bewerbung per Mail ... einzige Bedingung: “erklären Sie, warum ausgerechnet Sie der oder die Richtige sind”
Habe mich beworben und nach ein paar kurzen, weiteren Mails war ich drin. Ich will einfach mal vernehmbar meine Stimme erheben :-)

6 | DonLoewi schreibt am 09.09.2005, 15:25:

Das eigentlich Faszinierende ist doch, dass alle Leute um diese ganzen Politikerlügen wissen - und dann trotzdem das Pack wieder wählen. Nur die ganz Gefrusteten bleiben zuhause, aber keiner kommt auf die Idee wie die Italiener oder DDR-Bürger 1988 mit 20% ungültig zu wählen, damit diese Schmierenkomödianten nicht mehr behaupten können: Die 30% Nicht-Wähler sind halt mit uns zufrieden. ;)

Folgende Weblogs verweisen auf diesen Beitrag:

» | Sven Lehmann am 07.09.05 16:38

Kommunikation ist alles, auch in der Politik
Es ist wie es ist. Reden werden geschwungen mit mehr oder weniger wahrem Inhalt. Die äußere Form ist wichtiger als das, was ein Mensch sagt. Das ist weit vor unserer Zeit schon bekannt gewesen. Schon Cicero wußte um diese "magischen" Fähigkeiten. Weiterlesen »

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