Webdesign 2006 - persönliche Trends, Erwartungen und Wünsche (6) Gerrit van Aaken praegnanz
13.01.2006 | Blogging Tipps, Webdesign | 0 Kommentare | Print
Welche Trends und Erwartungen haben wir an das Webdesign im Jahr 2006? Während international darüber diskutiert wird, sind deutsche Webdesigner zurückhaltend. Da ich das Thema dennoch für sehr interessant halte, bin ich diesem Thema im Rahmen einer Artikel-Serie Webdesign 2006 nachgegangen.
Webstandards, Trennung von Inhalt und Layout, sind zur Normalität geworden, in vielen Gebieten lohnt es sich nicht mehr zu kämpfen.
Hallo Gerrit, herzlich willkommen zum kleinen Webdesign-Talk auf einfach-persoenlich. Glückwunsch zum recht frisch gebackenen Diplom-Designer (FH), gewiss auch im Namen aller Leser. Ich freue mich, dass Du trotz Deines Umzuges etwas Zeit für ein Gespräch gefunden hast.
Bevor wir thematisch einsteigen, wolltest Du aber noch einige Grundgedanken & Vorbemerkungen voraus schicken. Was genau geht Dir da speziell durch den Kopf? Welche persönlichen Trends, Erwartungen und Wünsche hast Du im Bereich Webdesign?
Gerrit van Aaken: Es gibt meines Erachtens zwei große Trends, deren erste Vorläufer wir zurzeit beobachten können; Doch da ist in Zukunft noch einiges mehr zu erwarten!
Da wäre zum einen die Abkehr vom pixelgenauen Layout. Wir werden viel flexibler und modulhafter mit Seitenlayouts umgehen, denn einen "Einheitssurfer", der unter Windows XP mit dem Internet Explorer 6 auf 1024×768 Vollbilddarstellung unterwegs ist, gibt es nicht mehr. Dazu später mehr.
Der andere Trend ist die allgemeine Webapplikationierung. Hier spielt modernes, unaufdringliches JavaScript in Kombination mit dem DOM eine große Rolle. User können Internet-Seiten nach ihren Wünschen anpassen, bekommen verblüffende kleine Navigationsgadgets geboten und erhalten insgesamt stärker das Gefühl, mit der Website zu interagieren, als nur etwas Statisches zu betrachten. Der Erlebnisfaktor beim Surfen steigt, ohne in sinnlose Flashwelten abzudriften, denn auch 2006 bleibt Content natürlich King.
Wenden wir uns nun einmal einigen konkreten Themengebieten zu. Beginnen wir mit den Farben. Momentan werden hellere Farben wie auch Pastell-Töne öfter genannt. Welche Erwartung hast Du bezüglich der Webdesign-Farben 2006?
Gerrit van Aaken: Es wird ein sehr schwarzes Jahr mit leuchtenden Akzenten. Spezielle Trendfarben vermag natürlich niemand vorauszusagen, aber es wird eher grün als orange, und eher gelb als blau. Wenn überhaupt blau, dann dunkel und kräftig. In jedem Falle ist die Zeit der Matschfarben vorbei, es wird wieder klarer und eindeutiger. Und dunkler. Eben schwarz.
Ajax & Tags haben 2005 enorm an Zuspruch gewonnen und liegen stark in der Nachfrage. Wie schätzt Du die Entwicklung ein? Wo siehst Du die weitere Entwicklung aus Deiner Sicht?
Gerrit van Aaken: Wie schon beim Stichwort "Webapplikationierung" angedeutet: Visuelle Effekte mit JavaScript werden auf Frontend-Seite enorm an Bedeutung gewinnen, das Web optisch und haptisch aufwerten, und ganz nebenbei sogar die Usability verbessern. Was Ajax im engeren Sinne - also XmlHttpRequest - angeht, so wird dies in erster Linie in echten Webapplikationen zu finden sein, also bei Webservices wie Portalen und Communities, sowie in den Administrationsbereichen von Content Management Systemen.
Jedoch wird Ajax auch sehr schnell zum Business as usual mutieren - es gehört bald einfach zum Handwerkszeug und wird niemanden mehr sonderlich beeindrucken. Der souveräne Umgang (auch aus Usability-Sicht) wird jedoch freilich in der Webdesigner-Branche die Spreu vom Weizen trennen. Und gesunde Zurückhaltung kann dabei durchaus eine Stärke sein: Ajax um jeden Preis wird 2006 verpönt sein und bemüht bis peinlich wirken.
Tags sind eine wichtige und nützliche Ergänzung, wenn es darum geht, in unüberschaubaren Datenmengen schnell Dinge zu finden. Allerdings sind Tags nur in wirklich großen Communities sinnvoll, wo eine kritische Masse an Usern und Datenmaterial zusammenkommt.
Da es genauso viele unterschiedliche Tagging-Techniken gibt wie User, treten grundsätzlich Konflikte und unzureichende Treffermengen auf, die nur durch eine schiere Masse an Teilnehmern ausgeglichen werden können. Von daher werden Tags in großen Communities ihre wichtige Rolle behalten, bei kleineren Datenbeständen wird sich eher die manuelle Kategorisierung durchsetzen.
Web Design & Web-Layouts, ob Fluid Layout oder deren Größe sind immer wieder ein Thema für Spekulationen. Was denkst Du darüber?
Gerrit van Aaken: Hier könnte 2006 eine Trendwende bringen, wie schon in der Einleitung erwähnt. Es spricht einiges dafür, dass immer flexiblere Layouts gefordert werden.
Vor einigen Jahren gab es den Übergang von 640er Layouts zu 800er Layouts. Nun stünde zwar langsam der Übergang zu 1024er Layouts an, doch er wird nicht kommen - zu unberechenbar ist der User geworden. Die hohe Verbreitung von noch größeren Bildschirmen mit bis zu 1920 Pixeln Breite (oder mehr) lässt die User vermehrt Abschied vom Vollbildmodus nehmen. Moderne Handys und PDAs können Internetseiten langsam tatsächlich vernünftig darstellen - und dank bezahlbarer Tarifmodelle wächst die Anzahl der mobilen Surfer im Jahr 2006 sehr stark.
Was also gefordert wird, sind flexible Layouts (flüssig oder elastisch), jede Menge alternative Stylesheets für mobile Geräte und selbstredend eine konsequente Trennung von Inhalt, Layout und Verhalten.
Viel Abwechslung gibt es bei den Web-Schriften nicht. Dennoch zeichnen sich immer wieder einige Trends ab. Welche fallen Dir besonders auf?
font-family: Cambria, Baskerville, Palatino, Georgia, "Bitstream Vera Serif", Times, "Times New Roman", serif.
Gerrit van Aaken: Der Trend zu Lucida Grande (Mac) und Lucida Sans Unicode (Win) wird weitergehen, doch entscheidend ist etwas anderes: Der Webdesigner wird die Kontrolle über die tatsächliche Darstellung der Schriften noch weiter aus der Hand geben und die CSS-Daklarationsliste immer länger werden lassen. Es wird in Kauf genommen, wenn jemand einen bestimmten Font nicht installiert hat.
So könnte das beispielsweise aussehen:
- font-family: Cambria, Baskerville, Palatino, Georgia, "Bitstream Vera Serif", Times, "Times New Roman", serif.
Das hässliche Entlein Times New Roman kommt erst dann zum Einsatz, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind. "Cambria" ist übrigens eine der neuen Schriften, die Windows Vista mitbringen wird. Sie werden jedoch erst im Jahr 2007 das Webdesign entscheidend mitprägen.
Fontersetzungstechniken wie sIFR oder PHP-basierte Bitmap-Lösungen werden auch 2006 nicht im großen Stil durchstarten, da in der Praxis oftmals zu viele Probleme auftreten, um den Einsatz zu rechtfertigen. Dann lieber lange Deklarationslisten im Stylesheet.
Ansonsten gilt auch für 2006: Deutliche Schriftgradkontraste, großer Fließtext, riesige Überschriften, eben der typische Web2.0-Look; da ist noch jede Menge Musik drin. Spezialtrend: Buchstaben mit negativem letter-spacing ineinander fließen lassen. Davor werden wir uns kaum retten können!
Webstandards sind Dir ein besonderes Anliegen. Was meinst Du, welche Fortschritte werden wir 2006 bei den Webstandards erleben können?
Gerrit van Aaken: Webstandards kann man den meisten Kunden nach wie vor nur über das Hintertürchen Google-Ranking verkaufen - eventuell noch mit dem Argument Barrierefreiheit. Letzteres wird zwar an Bedeutung gewinnen, jedoch nicht in so großem Ausmaß wie von vielen Idealisten gewünscht.
Überhaupt Idealismus: Webstandards, Trennung von Inhalt und Layout, sind zur Normalität geworden, in vielen Gebieten lohnt es sich nicht mehr zu kämpfen. Nun geht es in die Praxis, wo andere Probleme lauern als im Labor. Der Kampf zwischen reiner Lehre und Ökonomie wird vielerorts stattfinden und das Ergebnis ist offen.
Was wäre das Internet ohne Browser? Im letzten Jahr hat der Firefox-Browser die Landschaft maßgeblich mit geprägt. Für das neue Jahr steht die Version 7 des Internet Explorers ins Haus. Welche Erwartungen hast Du bezüglich der Browser-Entwicklung?
Der Internet Explorer 7 wird ein großartiger Browser, den man bedenkenlos empfehlen kann.
Gerrit van Aaken: Hier wage ich eine klare Aussage: Der Internet Explorer 7 wird ein großartiger Browser, den man bedenkenlos empfehlen kann. Natürlich wird er niemals so gut sein wie Firefox - schon allein wegen dessen vielen Erweiterungen. Der Browser-War geht also weiter, aber er wird sehr viel friedlicher ablaufen, da den Kritikern die Argumente gegen den IE ausgehen werden. Microsoft hat nämlich (endlich) verstanden.
Einen Kasten Bier würde ich allerdings nicht verwetten.
Weblogs folgen aus Erfahrung einem eher klassischen Design. Welche Erwartungen verbindest Du mit der Weiterentwicklung des Weblog Design?
Gerrit van Aaken: 99 Prozent der Blogger zeigen kein Interesse an außergewöhnlichem oder mutigen Design - der ungebrochende Erfolg des Kubrik-Templates stützt diese These. Von daher werden es nur wenige Avantgardisten sein, die aus dem gewohnten Design ausbrechen.
99 Prozent der Blogger zeigen kein Interesse an außergewöhnlichem oder mutigem Design.
Da es bei Blogs, wie bei keinem anderen Netzmedium, um den Inhalt geht,
steht die Usability und Lesbarkeit an erster Stelle. Und hier hat das bewährte Layout-Muster einfach die besten Karten. Ein paar visuelle Ajax-Effekte hier und da, vielleicht noch ein paar Gimmicks, aber ansonsten werden sich Blogs 2005 nicht maßgeblich von den Blogs 2006 unterscheiden. Soviel ist sicher.
Vielen herzlichen Dank Gerrit. Es war interessant, mit Dir über Webdesign, Trends und Deine persönliche Erwartungen für 2006 zu sprechen. Ich wünsche Dir persönlich und beruflich Erfolg.
Gerrit van Aaken: Viele Grüße.
Dieser Beitrag ist Teil der Serie:
Webdesign 2006- Trend, Erwartungen und Wünsche [Serie]
Weiterlesen:
Webdesign 2006 - Trend, Erwartungen und Wünsche (7) von Michael Preidel
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