Webdesign 2006 - persönliche Trends, Erwartungen und Wünsche (7) Michael Preidel
14.01.2006 | Blogging Tipps, Webdesign | 6 Kommentare | Print
Welche Trends und Erwartungen haben wir an das Webdesign im Jahr 2006? Während international darüber diskutiert wird, sind deutsche Webdesigner zurückhaltend. Da ich das Thema dennoch für sehr interessant halte, bin ich diesem Thema im Rahmen einer Artikel-Serie Webdesign 2006 nachgegangen.
Ich würde mir mehr Interdisziplinarität und Professionalität wünschen.
Hallo Michael, herzlich willkommen zum kleinen Webdesign-Talk auf einfach-persoenlich. Ich freue mich, dass Du etwas Zeit für ein Gespräch gefunden hast.
Bevor wir thematisch einsteigen, wolltest Du aber noch einige Grundgedanken & Vorbemerkungen voraus schicken. Was genau geht Dir da speziell durch den Kopf? Welche persönlichen Trends, Erwartungen und Wünsche hast Du im Bereich Webdesign?
Michael Preidel: Ich würde mir mehr Interdisziplinarität und Professionalität wünschen. Webdesigner sind oft ausgefuchste Programmierer, wissen manchmal aber wenig über gute Gestaltung (die ja bekanntlich mehr ist als bloße Form). Natürlich gibt es auch - ich will ja niemandem auf den Schlips treten, die umgekehrten Fälle, in denen guten Gestalter Websites mehr schlecht als recht mit Web-Editoren zusammenschustern.
Allerdings mache ich mir wenig Hoffnung, denn bei dem herrschenden Preisdruck wird man in den allermeisten Fällen schon aus finanziellen Gründen keine zusätzlichen Fachleute hinzuziehen wollen oder können.
Wenden wir uns nun einmal einigen konkreten Themengebieten zu. Beginnen wir mit den Farben. Momentan werden hellere Farben wie auch Pastell-Töne öfter genannt. Welche Erwartung hast Du bezüglich der Webdesign-Farben 2006?
Michael Preidel: Meiner Meinung nach sollte eine gut gestaltete Website deutlich länger als nur eine Modesaison lang Bestand haben. Deshalb interessieren mich diese kurzlebigen Trends auch nur am Rande. Dazu sind durch das Corporate Design eines Kunden die dominierenden Farben für eine Website meist ohnehin schon vorgegeben, so dass sich die ergänzende Farbwahl weniger nach herrschenden Trends als nach den Realitäten richtet.
Meiner Meinung nach sollte eine gut gestaltete Website deutlich länger als nur eine Modesaison lang Bestand haben.
Ich persönlich glaube nicht an Pastelltöne, sondern daran, dass ganz allgemein mehr Farbe eingesetzt wird.
Ajax & Tags haben 2005 enorm an Zuspruch gewonnen und liegen stark in der Nachfrage. Wie schätzt Du die Entwicklung ein? Wo siehst Du die weitere Entwicklung aus Deiner Sicht?
Michael Preidel: Wenn sich die Aufregung um Ajax ein wenig gelegt hat, wird man klarer sehen. Sicher ist, dass wir solche ausgeklügelten Webanwendungen wie die Googlemaps oder den iTunes Music Store 2006 häufiger sehen werden. In meinen Augen ist Ajax aber erst der Anfang - da wird auf uns Webdesigner noch einiges zukommen.
Tags bzw. Tagging spielen immer wieder eine unterschiedliche Rolle. Welche Bedeutung misst Du ihnen bei? Wo siehst Du die weitere Entwicklung?
Michael Preidel: Der Nachteil bei Tags ist die Abhängigkeit von einem bestimmten Dienst. Hat ein Server oder ein Angebot mal Schluckauf, was z. B. bei Technorati regelmäßig vorkommt, nützen einem auch die schönsten Tags nichts mehr. Ich erhoffe mir deshalb in Zukunft die Entwicklung von dezentralen Lösungen, dann werden Tags sicherlich auch für mich interessant.
Web Design & Web-Layouts, ob Fluid Layout oder deren Größe sind immer wieder ein Thema für Spekulationen. Was denkst Du darüber?
Es gibt nun mal gewisse physiologische Tatsachen, die man auch und gerade beim Gestalten von Websites berücksichtigen sollte.
Michael Preidel: Fluid Layout oder Liquid Design sind ein rotes Tuch für mich. Ich kenne nämlich genügend Leute, die ihre Browserfenster auf einem 23" Display über die gesamte Breite aufgezogen haben. Mir kann keiner erzählen, dass man da eine Textzeile unfallfrei bis zum Ende lesen und anschließend auch noch mühelos den Anfang der nächsten Zeile finden kann.
Sicher verändert das Lesen am Bildschirm die Lesegewohnheiten, aber es gibt nun mal gewisse physiologische Tatsachen, die man auch und gerade beim Gestalten von Websites berücksichtigen sollte. Als Gestalter hat man in meinen Augen zudem eine gewisse Fürsorgepflicht, deshalb verwende ich selbst nahezu immer feste Textbreiten mit höchstens 10-15 Wörtern pro Zeile.
Sollte die Mehrzahl der installierten Browser irgendwann das CSS-Attribut max-width unterstützen, könnte ich mir variable Designs, zumindest in definierten Grenzen, allerdings durchaus als praktikabel vorstellen.
Viel Abwechslung gibt es bei den Web-Schriften nicht. Dennoch zeichnen sich immer wieder einige Trends ab. Welche fallen Dir besonders auf?
Michael Preidel: Letztens ist mir die Rückkehr der "Würstchenschrift" aufgefallen; gemeint ist die VAG Rounded, die - wahrscheinlich im Zusammenhang mit den momentan allseits beliebten runden Ecken - derzeit auf einigen Websites in Headline-Grafiken bzw. bei Image Replacement-Techniken eine kleine Renaissance feiert.
Daneben fällt mir natürlich die Abkehr von den zu kleinen Schriftgrößen bei Lesetexten sehr positiv auf. Offensichtlich beginnt sich bei vielen Gestaltern die Einsicht durchzusetzen, dass Design kein Selbstzweck ist, sondern irgendwie auch lesbar sein muss.
Bei den Schrifttypen wird es naturgemäß keine großen Überraschungen geben. Ich persönlich würde mich freuen, häufiger mal Headlines aus einer Helvetica in Größen ab 24px aufwärts und etwas seltener 11px-Verdana-Fließtexte zu sehen.
Webstandards sind Dir ein besonderes Anliegen. Was meinst Du, welche Fortschritte werden wir 2006 bei den Webstandards erleben können?
Michael Preidel: Solange so viele selbsternannte Webdesigner noch mit Web-Editoren wie Dreamweaver oder GoLive arbeiten, glaube ich ehrlich gesagt nicht an größere Fortschritte. Hier ist tatsächlich noch viel Aufklärungsarbeit vonnöten, damit sich diese Leute endlich mal trauen, ihren Code selbst in die Hand zu nehmen und ihn nicht von irgendwelchen Programmen generieren zu lassen.
Offenbar denken aber noch viel zu viele: Warum etwas Neues lernen, wenn das Alte doch problemlos funktioniert?
Was wäre das Internet ohne Browser? Im letzten Jahr hat der Firefox-Browser die Landschaft maßgeblich mit geprägt. Für das neue Jahr steht die Version 7 des Internet Explorers ins Haus. Welche Erwartungen hast Du bezüglich der Browser-Entwicklung?
Michael Preidel: Es wäre schön, wenn sich Microsoft beim IE 7 ausnahmsweise an vorhandene Standards hielte und nicht gleich wieder eigene schaffen wollte.
Im übrigen habe ich ein wenig die Befürchtung, dass diese ganzen Hacks, die man wegen der diversen mangelhaften IE-Versionen in die Stylesheets einbauen musste, mit Erscheinen der neuen IE Version wie Bumerangs auf die Webdesigner zurückkommen und ihnen sozusagen um die Ohren fliegen.
Firefox wird 2006 nur noch wenig zulegen können, iCab (ein alternativer Mac-Browser) wird auch im 7. Lebensjahr immer noch im Betastadium sein, und so bleibt eigentlich alles beim Alten.
Weblogs folgen aus Erfahrung einem eher klassischen Design. Welche Erwartungen verbindest Du mit der Weiterentwicklung des Weblog Design?
Michael Preidel: Keine speziellen. Die Anforderungen an Weblog-Design sind in meinen Augen die gleichen wie an alle anderen Websites auch: Informationen müssen sinnvoll strukturiert werden. Ob das in Weblogs nun ein-, zwei- oder dreispaltig erfolgt, ob auf der Startseite zehn komplette Einträge angezeigt oder drei lediglich angeteasert werden, ist letztlich nur Geschmackssache.
Eine Design-Revolution wird meines Erachtens also kaum stattfinden.
Vielen herzlichen Dank Michael. Es war interessant, mit Dir über Webdesign, Trends und Deine persönliche Erwartungen für 2006 zu sprechen. Ich wünsche Dir persönlich und beruflich Erfolg. Freue mich auf baldiges Wiederlesen.
Michael Preidel: Vielen Dank für diese Interview-Serie, eine gute Idee!.
Dieser Beitrag ist Teil der Serie:
Webdesign 2006- Trend, Erwartungen und Wünsche [Serie]
Weiterlesen:
Webdesign 2006 - Trend, Erwartungen und Wünsche (8) von Jens Grochtdreis
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Kommentare und verweisende Trackbacks
zum Beitrag: Webdesign 2006 - persönliche Trends, Erwartungen und Wünsche (7) Michael Preidel
Kommentare
1 | Jona schreibt am 14.01.2006, 10:14:
Sehr schöner Bericht, aber schau mal, bei Ajax & Tags hast du Text doppelt.
2 | Jörg schreibt am 14.01.2006, 10:34:
@Jona: Danke für den netten Hinweis. Zu nah dran und mittendrin. :))
3 | Björn schreibt am 14.01.2006, 11:23:
Solange so viele selbsternannte Webdesigner noch mit Web-Editoren wie Dreamweaver oder GoLive arbeiten, glaube ich ehrlich gesagt nicht an größere Fortschritte.
Es muss aber auch Aufgabe sein, den Dialog zwischen Webdesigner und Softwareentwickler zu intensivieren. So könnte man theoretisch Editoren entwickeln, die sauberen Code produzieren. Auch wenn Dreamweaver & co. vielleicht nie alle Aufgaben erfüllen können werden, v.a. im Hinblick auf semantischen Code und Accessibility. Da sind Webdesigner selbst gefordert.
4 | Jan schreibt am 14.01.2006, 13:09:
Dialog und Kommunikation sind immer sehr wichtig, wenn man mit softwarelastigen Themen zu tun hat. Ich studiere Informatik und weiß glaube ich, wovon ich rede. Redet mit den vermeintlichen Laien und baut Tools, mit denen sie gerne arbeiten wollen.
Man muss den Leuten, die Dreamweaver oder GoLive verwenden, klar machen, was sie für Vorteile erhalten, wenn sie sich um sauberen Code (syntaktisch und semantisch) bemühen. Zusätzlich brauchen sie Tools, die einsteigerfreundlicher sind.
Dreamweaver und Co. kann man fast wie eine Textverarbeitung bedienen, damit kommt so gut wie jeder Laie zurecht. Setzt man diesen Leuten Movable Type oder Wordpress vor die Nase, werden sie nach kurzer Zeit frustriert sein und die Finger davon lassen.
Wo wir hinmüssen, ist weg von dem Effekt "Oh man, Wordpress bzw. MT ist ja sowas von kompliziert, weg damit!" und hin zu "Whoa Wordpress bzw. MT ist ja sowas von cool, ab jetzt will ich nur noch damit arbeiten."
Und das ist eindeutig die Aufgabe der Softwareentwickler und der Weg dahin ist noch lang. Aber wir müssen das als unsere Vision im Auge behalten.
5 | Beate schreibt am 15.01.2006, 13:50:
Hat ein Server oder ein Angebot mal Schluckauf, was z. B. bei Technorati regelmäßig vorkommt, nützen einem auch die schönsten Tags nichts mehr.
Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Nichts! Ich kann sehr wohl auch Tags nur auf meiner Seite einsetzen, eine Tag-Cloud-bauen usw. Da bin ich nur von mir selbst abhängig.
6 | Michael Preidel schreibt am 17.01.2006, 09:07:
Vielleicht habe ich die Frage auch falsch verstanden, aber ich glaubte, es ginge z. B. um Technorati- oder del.icio.us-Tags. Auf meiner eigenen Seite heißen Tags übrigens Suchfunktion.
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