Wie drückt eine Website Körpersprache aus?
28.02.2006 | Persönlich, Webdesign | 5 Kommentare | Print

Eine Website kommuniziert durch die Struktur, die Anordnung, den Einsatz und die Verwendung von Texten, Bildern und Grafiken. Darüber hinaus ergeben aber sehr viele unbewusst kommunizierte Details erst das komplette Bild eines Menschen.
Eine Website kann das Kennenlernen eines Menschen natürlich nicht ersetzen. Einige Sinneswahrnehmungen werden entweder einfach nicht abgebildet oder gar bewusst oder unbewusst unterdrückt (weggelassen). Auch hängt der Aussagewert einer Website immer auch davon ab, wie offen und ehrlich hier seitens des Betreibers kommuniziert wird.
Dennoch warne ich in dem Zusammenhang vor zu schnellen Schlussfolgerungen.
Denn es gilt wie überall in der Kommunikation der Grundsatz:
Wir können NICHT nicht kommunizieren.
Das ist kein Schreibfehler! Jeder entscheidet also, wieviel, was und wie er kommuniziert. Wenn er durch Weglassen einer Information aber NICHT kommuniziert, ist das für die Besucher ebenso eine Kommunikation. Und dieser Teil ist unter anderen der eigentlich Interessante, auf den sich meine Schilderungen im Wesentlichen beziehen (Potenzial 1).
Nichts desto trotz gilt es immer auch zu beurteilen, ob das, was wir in guter Absicht kommunizieren, beim Leser dann auch wirklich immer so ankommt (Potenzial 2).
Körpersprachlicher Ausdruck bei Websites
Mir ist keine Veröffentlichung bekannt, die sich mit diesem Thema bisher beschäftigt hat. Meine Gedanken beruhen auf eigenen Beobachtungen, Analysen und Kommunikation der Wahrnehmung durch andere Beobachter. Ich freue mich, wenn Ihr weitere Quellen und Aussagen zu diesem Thema als E-Mail oder Kommentar schreiben könnt.

Sach-Information
Hierunter verstehe ich zunächst die Texte. Während wir die gesprochenen Worte viel flüssiger und in höherem Tempo beim Hören (Auditiv, passiv) folgen können, müssen wir die Texte der Websites selbst lesen (Visuell, aktiv). Die Aufnahme-Geschwindigkeit wird je nach Lesetempo und Lesbarkeit der Website wesentlich unter dem eines Gespräches liegen.
Dagegen wiegt der Vorteil, dass ein geschriebenes Worte meist einen Extrakt der Gedanken darstellen, ein Gespräch die Gedanken aber spontaner und unüberlegter zur Geltung bringt und viel mehr Information als ein Schriftstück enthält. Andere Anforderungen an eine Website/Weblog an den Leser/Schreiber sind die Folge.
Nach meinen Beobachtungen macht das geschriebene Wort aufgrund des Mediums Internet hier einen deutlich höheren Anteil der Kommunikation aus.
Text ist aber nicht gleich Text
Dem Text kommen bei der Website noch viele weitere Funktionen einer Körpersprache des Menschen im Gespräch zu. Da beginnt beim individuellen Schreibstil. Es gibt eine Vielzahl von Charakteristika, die den Aufbau, die Struktur und die Wirkung der Texte betreffen. Einige habe ich einmal in Frageform zusammengestellt:
- Wie flüssig lässt sich der Text lesen?
- Sind die Text für das Medium speziell zugeschnitten geschrieben, d.h. erleichtern sie das schnelle Lesen, skimmen oder scannen?
- Gibt es besonders charakteristische Merkmale des Schreibstils?
- Wie persönlich fällt die Sprache aus?
- Haben die Texte eine markante Wortmelodie oder eine sprachliche Führung?
- Welchen Sprachschatz und welche Sprachen benutzt der Schreiber?
- Wie werden Fremdwörter im Text benutzt?
- Wie verständlich ist der Text allgemein?
- Wie lang sind die verwendeten Wörter und Sätze?
- Welche Orthografie wird genutzt?
- Was charakterisiert den Satzbau?
- Wie lang sind die verwendeten Wörter und Sätze?
- Wie drückt der Schreiber Gefühle aus?

Mimik
Direkte Körpersprache zum Ausdruck von Emotionen nur begrenzt zur Verfügung. Es gibt andere Elemente, die den Ausdruck der Mimik zum Teil ersetzen oder Informationen transportieren können:
- Setzt der Schreiber bewusst Emoticons ein?
- Wie beschreibt der Autor seine verbal seine Gefühle?
- Welche Mimik kommunizieren die Fotos auf der Seite?
- Werden Grafiken zur Unterstützung der Text-Aussage eingesetzt?
- Wir erfolgreich gelingt die Untermalung der Text-Aussagen?
- Welche Botschaft vermitteln einzelne zentrale Seiten auf den ersten Blick?
(Überfüllung, Ordnung, Struktur, Distanz, Nähe, unpersönlich, persönlich, Tranparenz. Verwirrung)
Gestik
Fotos, wenigstens aber ein Foto des Autoren kommuniziert für mich so viel: Körpersprache pur. Nicht nur Gestik, Mimik, Körperhaltung können entweder viel Nutzen und Information erbringen. Ihr fehlen aber erzeugt ein ebenso großes Defizit. Ungeeignete Auswahl von Fotos, Bildausschnitte o.ä. können den erhofften positiven Eindruck untermauern oder ins Gegenteil verkehren.
- Welchen Eindruck kommuniziert die Gestik der eingesetzten Fotos?
- Was verrät die Blickrichtung des/der Menschen?
- Wie wird durch die Texte der Tonfall der Aussagen ausgedrückt?
- Welche Aussage erbringen Struktur und Aufbau der Texte/der Site?
- Wie wird Weißraum auf der Seite eingesetzt?
- Welchen Eindruck vermitteln die Bilder (mit/ohne Textaussage)?
Körperhaltung
Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Das Medium lebt durch einen visuellen Eindruck auch wenn dies manche Autoren nicht unbedingt berücksichtigen. Jede fehlende visuelle Kommunikation bedeutet NICHT-Kommunikation. Beim Leser kommt weniger Information an, wichtige Teile werden ggf. auch einfach nicht wahrgenommen.
- In welchem Unfang werden Bilder eingesetzt?
- Welche kommuniziert die Körperhaltung der eingesetzten Bilder?
- Welche Bildschirmformate wurden gewählt? Was kommuniziert dies?
- Welche Textformate werden eingesetzt? Welche Rückschlüsse lässt dies auf den Autoren zu?

Bewegungsmuster
Bewegungsmuster fehlen auf den meisten Websites. Verbale Beschreibung lassen gewisse Rückschlüsse zu. Der Raum für Interpretation ist aber sehr weit. Wird textlich hier wenig kommuniziert, bleiben einfach blinde Flecken.
- Was kommuniziert uns die Navigation der Website?
- Welche Bewegungsmuster kann ich erkennen?
- Wie schnell kann ich diese Bewegungsmuster beim Besuch aufnehmen und verstehen?
- Welche Benutzererwartungen werden erfüllt?
- Mit welchen Benutzererwartungen wird gebrochen?
- Wie sehr widmet sich der Betreiber um dem Leser?
- Wie werden unterschiedliche Leser- und Interessen-Gruppen bedient?

Nähe und Distanz
Die Platzaufteilung der Seite, deren Format sowie der Gesamteindruck der Seite kommunizieren in Verbindung mit den Fotos einen wesentlichen Eindruck von Distanz oder Nähe.
- Welchen Einfluss hat die Vergabe von Weißraum auf den Leser?
- Was bringt die Farbgestaltung der Site zum Ausdruck?
- Welche Sprachwahl und Wahl Anrede kommuniziert welche Sachinformation?
- Welche Botschaft vermitteln einzelne Seiten auf den ersten Blick?
(Überfüllung, Ordnung, Struktur, Distanz, Nähe, unpersönlich, persönlich, Tranparenz, Verwirrung, etc.)
Gesamteindruck ist wichtig
Einen persönlichen Kontakt kann und soll eine Website nicht komplett ersetzen. Verbale und nonverbale Wahrnehmung lässt eine gute Einschätzung zu. Der Raum für Interpretation ist aber sehr weit. Nicht selten bleiben bei Webprojekten einfach »blinde Flecken.«
Der Gesamteindruck wird bei einer Website aber ebenso durch vielfältige technische Details erzeugt bzw. ergänzt. Sie legen unbewusst Zeugnis aber über:
- Ernsthaftigkeit des Angebotes
- Professionalität
- Technisches Verständnis
- u.v.a.m.
Impulse zu Nachdenken, Bewusstmachen einiger Details und Sensibilisierung für die Verbesserung und Umsetzung manches Detail sollte dieser Beitrag leisten. Er ist längst nicht komplett und vollständig. Änderungen und Ergänzungen freuen mich außerordentlich.
Es ist eine gewaltige Herausforderung, die täglichen Beobachtungen in aussagefähige Fakten umzusetzen. Es wäre mir zweifellos möglich gewesen, für jeden einzelnen Punkt positive wie ebenso viele negative Beispiele zu benennen. Das war aber nicht meine Absicht. Ebenso wollte ich niemand persönlich zu nahe treten. Viele Dinge sind immer auch eine Frage des persönlichen Geschmacks.
Ob wir aber diesen oder jenen Geschmack haben, egal ob wir einige Dinge kommunizieren oder nicht, bei unseren Lesern kommt unter Umständen mehr Information an, als wir meinen.
Für mich hat damit jede Website eine Körpersprache.
Sie ist nur ein Produkt von uns selbst. Mit allen Ecken und Kanten.
Weiter zum Thema:
- Teil 1: Eine Website ist auch nur ein Mensch!
- Teil 2: Wieviel Körpersprache hat eine Website?
- Teil 3: Kleiner Exkurs Körpersprache
- Teil 4: Wie drückt eine Website Körpersprache aus?
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Kommentare und verweisende Trackbacks
zum Beitrag: Wie drückt eine Website Körpersprache aus?
Kommentare
1 | Monika schreibt am 28.02.2006, 18:29:
Hi
Du gehst automatisch von der Annahme aus, dass ein Internetuser persönliches Kennenlernen überhaupt mag.
Dies stelle ich in frage.
Die meisten wollen Inhalte finden und wenn nötig einen persönlichen Ansprechpartner, der weiterhilft.
Für mich vermischt Du Community Gedanken und Website per se viel zu sehr.
Von einem Nachrichtensprecher =(Journalisten) möcht ich ein Foto sehen, vom Wissenschafter XY, der mir Information über Radiowellen liefert ist es mir egal.
Seriösität messe ich an den weiterführenden Links und ganz eindeutig - so wie Du beschrieben hast- anhand des Gesamteindrucks und meiner Erfahrung mit dieser Informationsquelle.
Wikipedia ist für mich keine seriöse Quelle,
außer wenn sie wieder einmal Artikel von mir "geklaut" haben ;);)
lg
Monika
2 | Michael schreibt am 28.02.2006, 19:07:
Meiner Meinung nach können aber genau aufgrund dieser unbewussten Wahrnehmung und Bewertung von Besuchern einer Seite eben diese Umstände ausgenutzt werden, um absichtlich ein bestimmtes Bild zu vermitteln. Das heißt, vermeintlich persönliche Eindrücke von Personen können auch bewusst von diesen "gestreut" sein und eben nicht der Realität entsprechen.
Wenn du davon ausgehst, dass die Web-Admins die Seiten ebenso unbewusst gestalten, wie wir sie lesen und interpretieren, dann kann ich dir aber zustimmen.
3 | Boris schreibt am 02.03.2006, 10:14:
Beachten müssen wir natürlich wie bei allen anderen Medien zur Kommunikation und Präsentation auch Strömungen, Moden, Trends.
Insoweit eine Website in ihrer Gestaltung, aber auch in Charakter und Ausformulierung ihrer Inhalte einer bestimmten Strömung folgt, einer bestimmten Mode entspricht oder gar ein festes Muster verwendet, wird ihr persönliches Gesicht und damit ihre Körpersprache zu einem mehr oder weniger großen Teil überdeckt. Im Extremfall haben wir es z.B. mit einem Wordpress-Blog mit unverändertem Kubrick-Theme zu tun – jetzt sprechen bloß noch die Inhalte.
Andererseits sagt aber genau das – die Konventionalität – auch etwas aus: Wie weit lässt sich der Autor von einer Strömung mittragen, wo nimmt er einen Trend auf, um ihn für sich zu verarbeiten und zur eigenen Absicht zu nutzen? Stellt er sich bewusst gegen einen Trend, eine Mode? Oder lotet er im Gegenteil dessen Möglichkeiten aus zum persönlichem Ausdruck?
Gerade bei Weblogs sehen wir ja schnell wechselnde Trends bis hin zu virtuellen Relaunch-Events zu festgelegten Terminen. Das sind Zeichen der Konventionalität und Uniformität, wie wir sie aus Gemeinschaftsformen in anderen Bereichen kennen.
Und solche konventionellen Ereignisse machen letzten Endes nicht einmal vor den Inhalten halt: Wir beobachten Trends, die sich eindeutig auf die Inhalte selbst beziehen. Gerade gestern habe ich über »Tumblelogs« gelesen (via das netzbuch)
Das ist durchaus ein neuer Aspekt im Hinblick auf die Frage, wie wir schreiben, was wir schreiben, und was wir damit offen und unterschwellig ausdrücken...
4 | Dienstleistungen schreibt am 26.01.2007, 19:14:
Ich bin auch der Meinung, dass eine Webseite was über einen Menschen aussagen kann -> jedoch nicht muss.
Der Aufbau, Die Stuktur kann z.B. Auskunft über die Ordnung des Menschen geben. Ist die Webseite gut strukturiert, ist es ein ordentlicher Mensch .. ist sie es nicht wohl eher ein Chaot :)
5 | Jens Meiert schreibt am 04.05.2007, 18:48:
Wie drückt eine Website Körpersprache aus? Gar nicht. Sollte den Etat für die angedachte Forschung etwas schrumpfen lassen.
Trackback-URL: http://www.einfach-persoenlich.de/m33/etb.cgi/1130
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