Gerichtsurteil - Sterben Internet-Foren bald aus?
18.04.2006 | Webdesign | 4 Kommentare | Print
Grobes Fehlurteil mit gravierenden Folgen? Liest man den kompletten Bericht von Heise stellt sich die Frage, wie düster die Zukunft von Internet-Foren aussehen wird?
Vier Monate nach dem viel beachteten Urteils zur Forenhaftung (Az. 324 O 721/05) vom 2. Dezember 2005 hat nun, wie Heise schreibt, das Hamburger Landgericht sein Urteil schriftlich begründet.
Demnach handelt es sich bei Webforen um eine "besonders gefährliche Einrichtung". Derjenige, der eine solche Gefahrenquelle betreibe, sei einer verschärften Haftung unterworfen.
Heise
Wenn ich diese Zeilen lese, werde ich unwillkürlich an die Berichte um Heidi K. erinnert. Da gibt es offensichtlich jede Menge Nachhole-Bedarf, denn alles kann man im Internet nicht kontrollieren. Mancher Zeitgenosse hätte das aber wohl gern. Irgendwie kommen mir da die Zeilen von Johann Wolfgang von Goethe in den Sinn, der den gerufenen Teufel nicht mehr loswurde.
Der bisherigen Rechtsprechung, wonach der Anbieter eines Forums erst ab Kenntnis eines rechtswidrigen Inhalts haftet und nicht zu einer aktiven Suche verpflichtet ist, folgten die Hamburger Richter nicht. Das Bereithalten von Internetforen stelle eine Form unternehmerischen Betriebs dar. Der Betreiber müsse sein Unternehmen so einrichten, dass er mit seinen sachlichen und personellen Ressourcen in der Lage sei, diesen Geschäftsbetrieb zu beherrschen.
Heise
Der Heise-Verlag wird Rechtsmittel gegen das Urteil einlegen. Aber selbst ein Schmetterling macht noch keinen Frühling. Da müsste schon ein ganzes Rudel auftauchen. Im Schlepptau wird es genügend Aktivitäten geben, die letztlich alle zu Lasten seriöser Internet-Nutzer gehen werden.
Kommunikation ist das halbe Leben. Und Web 2.0 noch weit weg.
Wer sollte bei solchen Rahmenbedingungen noch ein Forum eröffnen und sich für andere Menschen engagieren?
Update: Gerichtsurteil im Wortlaut
Heise hat das Gerichtsurteil im Wortlaut als PDF-Datei veröffentlicht.
Wer mag, kann sich selbst Gewissheit verschaffen und die eigene Meinung bilden.
Update II: Andere Meinungen zum Thema Foren-Zukunft & Gerichtsurteil
- Spreeblick: Gibt es eine Zukunft für Foren und Weblog-Kommentare?
- Netzfischer Kommentarlos sicher.
- domainblog Forenbetreiber am Ende?
- ITW Weblogs bald ohne Kommentare?
- Foren Urteil bei Heise nun online
Update III: Was sagen Rechtsanwälte dazu?
Umfangreiche Links zu verweisenden Beiträgen hat Leser und RA Micheal Seidlitz im nachfolgenden Beitrag Gerichtsurteil Heise - PDF-Dokument & Muster-Urteil? gesammelt und gepostet.
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Kommentare und verweisende Trackbacks
zum Beitrag: Gerichtsurteil - Sterben Internet-Foren bald aus?
Kommentare
1 | Steffi schreibt am 18.04.2006, 19:36:
Finde das schon hart und irgendwie bin ich doch ein wenig froh drum mein Forum abgegeben zu haben (aber aus anderen Gründen). Bei mittlerweilen über 17.000 Usern und mehr als 1000 Beiträgen pro Tag, käme man mit dem moderieren nicht hinterher.
Ich hoffe es wird gegen das Urteil angekämpft und das auch mit Erfolg sonst wird es sicherlich bald keine Foren mehr geben (ausser man hat das nötige Kleingeld).
2 | Koka schreibt am 18.04.2006, 22:37:
Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass das Urteil noch lange gültig ist. Da geht jemand ans Bundesverfassungsgericht und klagt wegen Verletzung der freien Meinungsäußerung und schwupps ist das wieder weg.
3 | Susanna Künzl schreibt am 19.04.2006, 07:38:
Wieder mal ein Fall, wo die Rechtsprechung (wahrscheinlich mangels wirklicher Erfahrung der Entscheider) heftig an der Realität des Internets vorbeischrammt. Wann hört dieser Nervkram endlich auf?
4 | Philipp schreibt am 21.04.2006, 00:05:
Eben lief ein längerer Beitrag zum Thema Abmahnungswelle in Internetforen, Gästebüchern und Blogs bei Planetopia-Online auf Sat.1, in dem auch das Problem der Haftung von Betreibern am Beispiel des Heise-Falls aufgeführt wurde.
Neben dem Heise-Fall gibt es - laut Bericht - inzwischen weitere Fälle, in denen einstweilige Verfügungen erwirkt werden sollen, wobei der Heise-Fall wohl gerne als Art "Präzidenzfall" genutzt wird.
Ein Experte im Interview beschrieb diese Portale zur freien Meinungsäußerung als "gefährliche Waffe". Schön war auch der Vergleich, dass dessen Betreiber ebenso gut "eine geladene Pumpgun auf der Parkbank liegen lassen könnten".
Das Thema fängt wohl gerade erst an.
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