Eye Tracking Video - Was man von Lesern lernen kann
01.06.2006 | Blogging, Blogging Tipps, Usability, Webdesign | 9 Kommentare | Print
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Eine besonders lehrreiche Lektion Eyetracking schafft visuelle Aha-Erlebnisse. Aus der Sicht des Lesers sieht manch theoretisch gelesener Usability-Fakt völlig anders aus. So kann man die Perspektive leicht wechseln. Dringend zum Lesen empfohlen!
Eines der für mich bemerkenswertesten Videos erbrachte Lernerlebnisse, wie sie nur eine direkte Usability- oder Eyetracking-Studie bringen kann. Während wir sonst aber nur Bilder sehen, ist ein Eyetracking-Video verschiedener Probanden ungleich aufschlussreicher. Seth Godin hat in seinem Blog über seine Lernergebnisse mit dem Video geschrieben.
The biggest lesson wasn't news to me, but it might be to your boss: your prospects are not rational and organized and linear. You can't count on them sitting still and hearing your story from beginning to end. They won't.
The answer is not to try to change human nature. It's to embrace the hunting skills that people are bringing online (and to their daily offline media consumption) and to make your media match their needs.
Seth Godin
Das Video bestätigt eine Reihe von Erkenntnisse, die Ihr gewiss bereits einmal gelesen habt. Dennoch überaus interessant, sie live am Beispiel der Seite Squidoo zu erleben:
- Skimmen und Scannen
Im Internet wird mehr überfolgen, geskimmt, als sorgfältig gelesen. Bevor eine Seite aufmerksam gelesen wird, sucht der Leser schnell und hektischer als vielfach angenommen nach dem nächsten Informationshäppchen, nach der nächsten Klick-Möglichkeit. Schnelle Aufnahme und Verarbeitung von Information wird sehr stark durch Aspekte der Wahrnehmung gesteuert.
- Bilder & Überschriften
Sowohl Bilder als auch Überschriften ziehen durch Form, Farbe und Größe die Aufmerksamkeit des Lesers auf sich. Anordnung, Größe, Nähe und Gleichheit bestimmen oft den Grad der Wahrnehmung entscheidend.
- Struktur schafft Orientierung
Schnelle Aufnahme von Information schreit nach strukturiertem Inhalt. Gut gegliederte Textbereiche, schnell aufnehmbare Überschriften oder Links erleichtern ein leichtes und problemloses Lesen sowie eine schnelle Orientierung. Farbige Unterscheidung von Links, Texten und Überschriften erleichtert die schnell Aufnahme der Texte enorm.
- Lesefreundlich Listen
Nicht ohne Grund stehen ungeordnete Listendarstellungen ganz weit oben auf der Hitliste der Leser. Sie lassen sich leicht überfliegen und aufnehmen. Eine Hervorhebung wichtiger Stichworte und Kernaussagen (oder Überschriften) erleichtert die schnelle Wahrnehmung noch weiter.
- Navigation (Button, Menus)
Auffällige Navigationselemente wie Buttons und Menüs erfüllen immer wieder entscheidende Aufgaben. Elemente, die Benutzergewohnheiten wenig berücksichtigen, fallen schnell durch das Raster der Wahrnehmung.
- Umfangreiche Seitenfüße
In Mode gekommene umfangreiche Seitenfüße werden beim skimmenden Lesen offenbar schneller und sicherer angesurft, als Teilbereiche des Sidebars rechts. Teile der mittleren Seite werden schneller überblättert als Kopf und Fußbereiche. Das würde zumindestens den immer stärkeren Einsatz solcher Design-Elemente in Weblog entscheidend erklären.
- Visueller Leser-Fokus
Das Internet lebt von visueller Wahrnehmung. Auch wenn viele Betreiber von Weblogs das bei ihren Blogs scheinbar vernachlässigen, bieten Bilder eine fantastische Orientierungs- und Informationsquelle und erleichtern die Orientierung wesentlich schneller als das Lesen von Text. Über die Größe der Bild-Elemente lässt sich obendrein die Wahrnehmung (in Grenzen) steuern.
- Werbung & Weiterklicken
Hat der Leser die Information bekommen, sucht er nach dem für ihn passenden Ausstieg oder einer weiteren Informationseinheit. In Sekundenbruchteilen fällt hier die Entscheidung Weiterlesen oder Ausstieg. Klick, weg ist er? Auch die Bannerblindheit in Abhängigkeit von Position und Gestaltung fällt auf.
Gern lese ich Eure Gedanken und Erlebnisse zu der netten Usability-Lektion.
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Kommentare und verweisende Trackbacks
zum Beitrag: Eye Tracking Video - Was man von Lesern lernen kann
Kommentare
1 | Christian Vogt schreibt am 01.06.2006, 20:55:
Ja, ich muss zugeben, mein eigenes Userverhalten spiegelt sich darin auch irgendwo wieder.
Der Content des Internets ist auch einfach zu überdimensioniert, als das man sich jede Seite im Detail durchlesen könnte.
Solch eine Usability-Auswertung kommt mir von Zeit zu Zeit immer wieder gelegen, denn ich denke das Verhalten der User ändert sich auch von Jahr zu Jahr, Trends kommen und Trends gehen eben.
Ich habe übrigens einmal gelesen, das der durchschnittliche Internetnutzer eine Seite immer gern nach folgendem Schema durchsucht.
Topic und Logo im Header, auf der linken Seite eine Navigation mit internen Links, mittig der Content, rechts eine Navigation zu externen Seiten. In die Fusszeile sollten dann eher wenig frequentierte bzw. Sonderpunkte aufgenommen werden.
2 | Christine schreibt am 02.06.2006, 01:58:
Witziger Link! :-)
Man bekommt mal wieder das gezeigt, was man ja eigentlich eh weiß. Nur, denkt man immer daran?
Dasselbe gilt natürlich für Deine kurze Zusammenfassung.
Christian:
Topic und Logo im Header, auf der linken Seite eine Navigation mit internen Links, mittig der Content, rechts eine Navigation zu externen Seiten.
Bei Topic und Logo gehe ich noch mit.
BTW: Ich ärgere mich immer, wenn ich per Klick auf das Logo nicht auf die Startseite gelange, sondern womögllich einen versteckten Link dorthin suchen muss.
Was die Navigation betrifft, gibt es schon ellenlange Glaubenskriege.
Ich persönlich glaube nicht, dass das Suchen der Navigation auf der linken Seite dem normalen menschlichen Verhalten entspricht, sondern einfach eine Gewohnheit ist, die sich durch Web-Sites herausgebildet hat.
Ich habe mal irgendwo gelesen, das obere rechte Drittel einer Seite (ging wohl eigentlich um Geducktes) würde die höchste Aufmerksamkeit bekommen. Irgendwie erschien mir das aus meiner eigenen Erfahrung heraus nachvollziehbar.
Allerdings ist Gewohnheit nicht zu vernachlässigen.
Vollkommen egal, ob Gewohntes gut oder schlecht ist - es ist einfach.
Mir fallen da z.B. Programme ein, deren Benutzerführung von dem abweicht, was wir so gemeinhin kennen (Office & Co. z.B.). Wir finden etwas Ungewohntes, und schon sträubt sich irgend etwas in uns damit gegen das gesamte Programm. Dabei kommt es gar nicht darauf an, ob das Neue besser oder schlechter ist - es hat geringere Chancen.
So sind wir Menschen halt - bissel schade, aber nicht zu ändern. :-(
Über Deine Aussage zum mittigen Content muss ich nachdenken. Ist das nun auch Gewohnheit - Stichwort: Drei-Spalten-Layout - oder steckt das in uns?
Keine Ahnung!
Ich bemerke nur bei mir selbst, dass ich Seiten, bei denen alles links steht, die rechts einfach frei lassen, irgendwie nicht mag. Dabei lösen sie doch das Problem der überlangen Zeilen, das man immer hat, wenn man versucht, zoombares - also auch ästhetisches - Layout zu produzieren.
Warum mag ich die also nicht?
Amerikaner machen das übrigens oft und gern? Ticken die anders? Oder haben die einfach kleiner Bildschirme/Fenster?
Fragen - Fragen - Fragen!
Web-Design ist wohl doch nicht so einfach. ;-)
3 | Christian Vogt schreibt am 02.06.2006, 08:19:
Nun, ich denke das man BESONDERST auf die Gewohnheiten im Web achten sollte.
Es ist nunmal einfach so, das irgendwann einer oder alle angefangen haben, ihre Navigation links zu setzen, seit ein paar Jahren gibt es nun Leute die ihre Navigation horizontal oben positionieren, was auch angenommen wurde.
Weicht man von den Gewohnheiten des Users ab, kann es einem eben passieren das die Seite nach ein paar Sekunden wieder aus dem Browser verschwindet. Die Contentflut ist eben einfach zu gross, als das der User nicht die Wahl hätte sich schnell eine anere Seite zu suchen.
Das mit der externen Navigation ist natürlich optional, klar.
Übrigens werden zentrierte Webseiten beim User immer noch angenehmer empfunden als linkbündige oder rechtsbündige Webseiten. Was aber in der Natur des Menschen liebt, der nun einmal auf ein optisches Gleichgewicht achtet, einseitige Freiräume wirken daher nicht, auf mich übrigens auch nicht :)
Ja, Webdesign ist eben eine Sache für sich. Geht man mit dem Trend und macht Seiten die dem Nutzerverhalten entsprechen, so wird man als altmodisch betitelt. Geht man von der Usability ab und macht sein eigenes Ding beschweren sich die User.
Wie mans macht...
4 | RA Michael Seidlitz (macviser) schreibt am 02.06.2006, 13:47:
Hallo Jörg,
schau mal hier:
Usability-Tests und Eyetracking
TechSmith's Morae im Usability-Lab
http://www.web-blog.net/comments/P208_0_1_0/
Usability-Tests mit Eyetracking
http://www.scoreberlin.de/eyetracking/
Usability-Tests und Eyetracking
Case Study: TechSmith's Morae im Praxiseinsatz
http://www.scoreberlin.de/usability-artikel/usability-tests-eyetracking/
Eyetracking-Echtzeit-Video ansehen:
http://www.scoreberlin.de/media/eyetrack2.mov
Eyetracking-Video ansehen:
http://www.scoreberlin.de/media/eyetrack.mov
5 | Jörg schreibt am 02.06.2006, 14:31:
Hallo Michael, Du hast ja wieder einen ganze Reihe von Links auf der Pfanne. :))
Ich wundere mich nur, dass Du bei so vielen guten Einwürfen selbst noch immer kein Weblog eröffnet hast. Sorry, der Pickser musste mal sein.
Du kennst mein Angebot, entscheiden musst Du es.
Stoff, Potenzial und Tiefe hättest Du auf alle Fälle mehr, als mancher Blogger, der heute einfach unbekümmert loslegt ...
6 | Mario Fischer schreibt am 04.06.2006, 11:43:
Eyetracking ist eine praktische und gute Sache!
Was leider immer wieder vergessen bzw. nicht thematisiert wird: Schon nach wenig Abänderung der untersuchten Websiten kann man die (teilweise doch aufwendig erstellten) Ergebnisse in die Tonne treten. Ein kleines Banner oben rechts, ein hübsches Menschengesicht (geschlechtsneutral ;-) oder ein neuer Hinweis auf den neuen Newsletter... und schon laufen die Blicke auf der Seite zum Teil völlig anders.
Grundsätzlich kann man also viel aus ET-Studien lernen (allerdings meist wenig, was man aus gestalterischer Perspektive nicht schon wusste, wenn man sich damit beschäfigt hat), aber für die Anlyse einer einzelnen Website ist das meiner Meinung nach ein zweifelhaftes Unterfangen. Dies aber nur, weil die Kosten einfach in keinerlei Verhältnis zur erzielten Erkenntnis stehen.
Gruß
Mario
7 | Japhy schreibt am 05.06.2006, 01:39:
Was mir bei Seths Video abgeht ist die konkrete Aufgabenstellung die die User beim Verwenden der Website hatten. Ohne eine solche sind Eyetrackingergebnisse nämlich schwierig bis gar nicht zu interpretieren ...
Beispiel: Ein User sucht nach einer bestimmten Information auf der Website (was sicher die Mehrzahl der Fälle ausmachen dürfte), während ein anderer einfach surft ...
Die beiden User erzeugen nun natürlich gänzlich verschiedene Eyetrackingdaten.
Eyetracking ist ein wichtiges Instrument, sollte allerdings immer nur im Zusammenhang mit einer genauen Fragestellung vorgegeben werden (zumindest machen wir - Achtung: Werbung ;-) - bei Interface Consult das so).
Zur Frage, wo eine Navigationsleiste platziert sein sollte und wo der User zuerst hinsieht:
Ich würde sagen dass es relativ egal ist ob die Navigationsleiste rechts oder links steht. Wichtig ist vor allem dass sie gut als solche erkannt wird.
Zur Beantwortung der Frage, wohin User zuerst sehen, muss man meines Erachtens nach den Usabilityslogan "it depends" heranziehen. Normalerweise ist tatsächliche der Bereich links oben der zuerst wahrgenommene. Das dürfte einerseits mit der Leserichtung (von links nach rechts, von oben nach unten) zusammenhängen, andererseits liegen auch die nicht gerade unwichtigen Browselemente wie Backbutton oder Adresseingabeleiste links oben...
Wenn allerdings ein Portraitbild in der Mitte der Seite präsentiert wird, so kann es durchaus vorkommen, dass dieses Bild dann die Aufmerksamkeit vom linken oberen Bereich ablenkt: Besonders die Augen-Mund-Partie zieht Aufmerksamkeit unwillkürlich an. Ähnlich verhält es sich auch mit Animationen auf Websites.
8 | Marcus Völkel schreibt am 05.06.2006, 19:16:
Michael: Danke für die Hinweise!
Mario: Was du erwähnst, sind nur scheinbare Argumente gegen Eyetracking. Die modernen Geräte unterscheiden sich doch extrem von den Systemen, die du im Kopf zu haben scheinst. Mit den modernen Systemen ändern sich auch die Methoden. Das beeinflusst vor allem die Preise. Eyetracking muss nicht mehr teuer sein, ganz im Gegenteil. Gerade um eben kleine Änderungen und Optimierungen vor dem Hintergrund präziser Frage- und Aufgabenstellungen vorzunehmen, ist Eyetracking ein sehr geeignetes Tool. Eben eine Methode unter vielen, die aber zu objektiven Ergebnissen kommen kann.
Jörg: Gibt es irgendwo konkretere Rahmendaten zu den Videos? Als solche sagen sie mir zu wenig, methodisch fehlen mir Daten zum konkretisierten Nutzungskontext und zur Zielgruppe. Eye tracking is a tool, not the solution. Das scheint oft vergessen zu werden. Insofern stimme ich Japhy zu, dass die Ergebnisse schwierig bis gar nicht analysierbar sind, zumindest von Außenstehenden (interpretieren kann man natürlich immer...).
9 | Christine schreibt am 08.06.2006, 01:13:
Japhy, Du sagst:
"Normalerweise ist tatsächliche der Bereich links oben der zuerst wahrgenommene. ..." und gibst dann Gründe an, die sich auf Bildschirm-Gucken beziehen.
Widerspricht das dem, was ich irgendwo gelesen habe - rechts oben oder bissel drunter?
Die Aussage bezog sich - soviel erinner ich mich - auf Gedrucktes. Und wenn ich gucke, wo Zeitschriften ihre Werbung unterbringen... Könnte was dran sein.
Ist Papier- und Bildschirm-Angucken in der Beziehung wirklich was anderes?
Wenn ja: Ist das in allem so? Oder kann man doch übertragen?
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