Warum »Top-10 Listen« nicht das halten, was sie versprechen

27.10.2006 | Blogger, Blogging, Blogging Tipps | 12 Kommentare | Print

Top-10 Listen versprechen etwas, was sie nicht halten können. Was habe ich als Leser von solchen Listen? Masse statt Qualität steht der Manipulation der Listen gegenüber. Wie sehen die Hit-Listen wirklich aus?

Ich glaube nur der Statistik,
die ich selbst gefälscht habe..
Churchill

Mit dem Gedanken an das bekannte Zitat von Mister Churchill dachte ich dieser Tage über die Sinnfälligkeit der Top-10-Listen nach. Die »German Top50 Blogs« Seite fasst Sie noch einmal auf einer Seite gut zusammen. Wenn ich bis dato zu dieser Diskussion nichts geschrieben habe, dann einfach, weil mir der Sinn einer »vernünftigen« Top-100 in Deutschland bisher nicht klar werden wollte.

Es mag unbestritten sein, dass Weblogs heute bereits einen Einfluss als Meinungsmacher haben. Viel interessanter scheint mir aber die vorherrschende Angst zu sein, dass Old-School-Medien den Zug der Zeit verpassen und ihr Ansehen und Einfluss schwindet. Der Versuch eine korrigierte Liste zu erstellen krankt auf alle Fälle vor und hinten. Der Grund dafür liegt einmal mehr an den Besonderheiten von Weblogs und dem Wunsch, mit einem einfachen Instrument ein hochkomplexen Zusammenhang abbilden und beschreiben zu wollen.

Links als Quelle allen Übels

Wenn wir schon die Verlinkung als »objektives« Kriterium für ein Ranking der Weblogs heranziehen, dann sollte wir bedenken, dass diese in mannigfacher Form in der Bloggerszene eingesetzt werden.

Haben immer alle Links die gleiche Bedeutung?

  • Artikel vs. Link-Posting
    Unmissverständlich sind Links in einem Artikel für mich von anderer Bedeutung als ein einfaches Link-Posting, schnell hingeworfen. Gleich mit mehreren Links versehen ist ein solcher Link zwar von außen nicht zu unterscheiden. Dennoch ist jede Verlinkung auch eine Empfehlung. Diese wirkt im Sinne des Einflusses also wesentlich stärker, je qualifizierter diese Empfehlung vom Schreiber abgegeben wird.
  • Technorati
    So schön es sein mag, diesen Dienst zu haben, so sehr sind die Daten von dem technischen Vorgehen abhängig und damit fehleranfällig. Daten werden mitunter verschluckt, gedoubelt, falsch ausgewiesen oder fehlerhaft erkannt und zugeordnet. Link ist gleich Link, egal woher.
  • Kommentare
    Natürlich produzieren Kommentare Links ebenso wie in einem Beitrag. Und in manchem gut geführten Weblog sind diese mehr wert, als der eigentliche Beitrag. Doch dies gilt keineswegs für alle Weblogs. Nehme ich den Großteil der Kommentare, dann spreche ich diesen einfach die einen Teil Bedeutung gegenüber den Artikeln ab.
  • Blogroll
    Blogroll-Links haben gewöhnlich eine viel größere Bedeutung. Je nach Herkunft kommt der Link in diesem Bereich einer echten Empfehlung gleich. In der Regel kommt ein Weblog erst nach längerer Prüfung auf diese Liste. Schnell aufpeppende neue Weblogs haben es viel schwerer, solche Empfehlungen zu bekommen.
  • Footer-Links
    Ein kostenfrei angebotenes Weblog-Template pflegt Pflicht-Links zu dessen Urheber. Dieses und andere in Footern untergebrachte Links erzeugen mit der Zeit einen Link-Kosmos, der zwar eine thematische Empfehlung darstellen mag, keinesfalls aber Konkurrenz mit echten Artikeln und Beiträgen eines Weblogs aufnehmen kann.

Wo fängt Manipulation an? Wo hört sie auf?

In der langen Zeit, in der ich Weblogs beobachte, habe ich sehr feine Unterschiede sehen und wahrnehmen können. Dennoch oder gerade deswegen ist mir klar, dass manche Position in Hitlisten ganz klar auch durch ein überdurchschnittliches Engagement von Bloggern zu erreichen ist.

Maschinen können nur Quantität messen, keinesfalls Qualität. Manipulation ist nicht ausgeschlossen. Unterschiedliche Beobachtungen anderer Blogger bestätigen mich in meiner Auffassung einmal mehr. Manche Leser würden sich gern vielleicht objektive Messverfahren wünschen. Doch was würden diese bringen? Wieviel besser machen sie die Beurteilung eines Ranking? Und was sagt ein Ranking über den Gehalt an Qualität?

Leser wollen guten Content. Punkt.

Content-Qualität und passgerechte Zielgruppe

In Deutschland haben Weblogs noch wenig Stellenwert. Den hemdsärmeligen Schreiberlingen mit Selbstdarstellungsdrang werden kaum ernsthafte Ambitionen nachgesagt. Bemerkenswert hingegen ist, dass dennoch immer mehr Weblog-Konzepte das Licht der Welt erblicken, während weiterhin in der Öffentlichkeit weitgehend ein anderes Bild gezeichnet wird.

Am meisten schmunzeln muss ich aber, wenn Old-School-Medien sich der neuen Kommunikationstools bedienen und mit ihre Kommunikationsmuster auf diese zu übertragen versuchen. Wer nur ein wenig genauer hinschaut, wird rasch merken, dass hinter den scheinbar einfachen Weblogs wesentlich mehr Potenzial und Zukunft steckt, als nur die Möglichkeit, einfach Seiten im Internet zu veröffentlichen.

Was helfen also lange Top-10 Listen?

Eine Schar von 100 richtigen Lesern kann ich besser beeinflussen als 100.000 Leser, die mich nur halb oder gar nicht lesen oder verstehen. Die Qualität von Content wird immer mehr und stärker in den Vordergrund rücken. Wer Ideen hat, wer sie aufbereiten kann und mit einer kommunikativen Schreibe an den Mann und die Frau bringen kann, wird meine Top Ten Listen zukünftig mehr als bisher anführen.

Und ich mache keinen Hehl daraus, dass meine Hit-Liste anders aussieht!

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Kommentare und verweisende Trackbacks

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Kommentare

1 | Peter schreibt am 27.10.2006, 14:34:

toller, beitrag ich sehe das genauso und deshalb habe ich auch innerlich über die ganzen top100 streitereien geschmunzelt. diese sind sicher dem ego von einigen "a-list" bloggern förderlich, doch ein qualitätsabbild lässt sich daraus nicht ziehen.

2 | Susanna Künzl schreibt am 27.10.2006, 17:44:

Big G***gle arbeitet schon seit seiner Gründung daran, Links richtig zu bewerten. Nicht umsonst werden immer feinkörnigere Raster aufgelegt, um Spam auszufiltern und wirklich zum Kern der Sache zu kommen. Warum sollten gerade Top10-Listen das besser können?
Klar: Werbung schalte ich gerne da, wo ich viele Leser erreiche. Aber wie Du schon gesagt hast: Lieber da, wo meine Zielgruppe wirklich ist. Und das finde ich nicht über ein Top10-Liste, sondern nur per Recherche heraus. Wie schön, dass das Leben nicht ganz so einfach gestrickt ist :)

3 | Boris schreibt am 27.10.2006, 17:47:

Im Grunde ist diese Listenhuberei doch bloß bedeutungsarme Erbsenzählerei. Putziges Getreibsel für wichtige Gockel.

Die Journaille samt ihrer modernen Online-Verfallssprodukte braucht das womöglich zur Bestätigung irgendwelcher neuer "Geschäftsmodelle 2.0". Oder zur Generierung von Werbeeinnahmen, wofür man bekanntlich schon auch ein paar Inhalte feilbieten sollte... wir kennen das ja vom Fernsehen 1.0.

Es gilt aber sowieso:
Die Tatsache, dass ein Blog (Zeitung, Buch, etc.) viel gelesen wird, bedeutet eben genau das und nichts weiter: Es wird viel gelesen.

Mit Qualität hat das wirklich gar nichts zu tun.

4 | Christof Hintze schreibt am 27.10.2006, 18:48:

Danke für deinen Beitrag. Der Übergang aus der rein nummerischen Weltanschauung in einer auch emotionale Werte berücksichtigende wird einige Zeit, wenn nicht sogar Generationen in Anspruch nehmen.

Im Wein gibt es den Parker. Der macht was ähnliches. Der gibt Wein Punkte. Maximal 100. Und somit stellen Mensche fest das sie gerade 97 oder 98 Punkte sich die Kehle herunter schütten. Und die glauben wirklich einen oder zwei Parkerpunkte im Geschmack zu erkennen. Ganz ehrlich, das ist so blöd wie Mozart Punkte zu geben. Der Rosenkavalier gebkommt 96 Punkte und Titus nut 89 Punkte.

Aber der Parker ist die Bibel für viele Weinkonsumenten. Was soll man da machen. Die können selbst nicht schmecken, dass macht Herr Parker für sie.

Ebenso verhält es sich mit der Bewertung von Blogs. Allein das Wort Bewertung wird der Kernidee nicht gerecht. Da wo Gedanken frei fliegen sollen, Subjektivität das Grundprinzip darstellen, was will man da bewerten?

Aber so sind wir nun mal. Was wir nicht spüren und fühlen können, muss uns jemand in Zahlen darstellen. Mein Sonnenuntergang gestern bekam nur 98 Punkte. Und das Weißbier neben meinem Laptop, bekommt jetzt 100 Punkte. Und der Beitrag von dir bekommt auch 100 Punkte. Und meiner Frau gebe ich auch 100 Punkte. Und wo wir gerade dabei sind alle Blogs bekommen von mir 100 Punkte. Weil sie da sind. Die Guten, die Schlechten, die Toten, die langweiligen, die Witzigen, die Gierigen und die Schlauen und die Wirren und die Tendenziellen und die Arroganten und die Leisen und die Kreativen und die Lauten. Denn Blogs sind nicht einer, sondern alle. Somit ist jeder schlechte Blog gut. Weil man selbst lernt was schlecht ist.

Mein Ranking ist auch ein völlig anderes. Nämlich gar keins.

5 | Tadeusz Szewczyk schreibt am 28.10.2006, 19:42:

Auch wenn ich hierbei vielem zustimme, eins ist komplett falsch, eine Top-10-Liste ist im Blog-Kontext eine redaktionell erstellte Bestenliste, während hier von sog. Rankings die Rede ist die großteils automatisiert sind.

Eine Top-10-Liste wäre also etwa "Die 10 besten CSS-Sites" wenn einer die beurteilen würde.

6 | apollon schreibt am 29.10.2006, 14:49:

Interessanter Beitrag! So richtig es aber auch ist, dass allein der Inhalt eines Beitrages zählt, so sicher ist es allerdings, dass die Autoren, die sich im Dschungel des Internets verständlicherweise um eine gewisse Publicity "kümmern", dabei nicht immer zu adäquaten Mitteln greifen. Hierzu gehört vielleicht auch die Einstellung zur Platzierung in irgendwelchen Top-Listen. Aber man möchte ja auch, dass "man" gelesen wird.

Für meinen Teil achte ich schon sehr darauf, welche Seiten auf meiner Blogroll stehen. Allerdings muss ich dabei wiederum zugeben, dass ich nicht alle dort verlinkten Seiten auch ständig verfolge. Viele, aber eben nicht alle. Dazu fehlt mir oft die Zeit.

Ganz unentschieden bin ich, was den Teil des Statements von Boris anlangt, in dem er meint, dass Qualität und hohe Besucherzahlen überhaupt nichts miteinander zu tun hätten. Das gibt es bestimmt so und so. Warum sind die Besucherzahlen bei bestimmten Publikationen so hoch? Bestimmt auch deshalb, weil die Angebote qualitativ sehr gut sind (Pornoseiten oder ähnlichem mal ausgeschlossen :-)).

7 | Monika schreibt am 29.10.2006, 22:45:

HI apollon

du scriebst: Warum sind die Besucherzahlen bei bestimmten Publikationen so hoch? Bestimmt auch deshalb, weil die Angebote qualitativ sehr gut sind

vielleicht auch, aber meist, weil dahinter professioenlles Marketing steckt, eben Suchmaschinen marketing.

meine Blogs haben zu einem sehr hohen Prozentsatz Besucher outside der Bloggerwelt und dies ist gewollt und gut so.

lg

8 | Christof Hintze schreibt am 30.10.2006, 11:11:

Qualität bedeutet Beschaffenheiten zu verdichten. Und in dieser Verdichtung konstant und konseqeunt zu sein. Somit hat Qualität ebenso viel und wenige mit Quantität zu tun. Aber mit Beschaffenheit. Im selben Glas Rotwein, kann einer sehr guter und eine sehr schlechter sein, Dabei ist die Menge der Flaschen ebenso unerheblich, wie der Preis.

Aber als Orientierung dient vielen Menschen, dass Qualität da ist wo man die Verdichtung dieser Beschaffenheiten, selbst bemerkt. Dafür muss man aber eine Fähigkeit erlernen und mitbringen, die das heißt "selektive" Wahrnehmung.

Somit ist Qualität nicht das was wir uns darunter vorstellen, sondern was der andere empfindet.

Trotzdem möchte ich Mut machen, Qualität selbst zu suchen. Anstatt Interessengruppen auf den leim zu gehen. Bloggen bedeute finden. Das ist wie Zappen. Das Dogma des einen Films, der Meinungsmache liegt hinter uns.

Heute da, morgen dort. Da wo ich Relevanz empfinde. % bis 10 Inspirationen die mich ansprungen. Woher die kommen? Keine Ahnung, aber das macht das Bloggen aus. Eben nicht jeden Tag, die selbe Seite auf zu schlagen, sondern Neues zu entdecken.

Das widerspricht den Top Listen in der eigentlichen Umgangsform mit Blogs. Das Finden ist doch das schönste. Und den anderen zeigen was man gefunden hat.

9 | Jan schreibt am 30.10.2006, 11:23:

apollon schrieb:

Warum sind die Besucherzahlen bei bestimmten Publikationen so hoch? Bestimmt auch deshalb, weil die Angebote qualitativ sehr gut sind

In diesem Zusammenhang müssen zwei zentrale Begriffe genau definiert werden, damit Deine Folgerung auch korrekt sein kann:

  • Was bedeutet hier Besucherzahl?
    Ist die Besucherzahl die Anzahl der Menschen, die die Seite besuchen? Falls ja, über welchen Zeitraum? Besucher Pro Tag, pro Woche, pro Monat? Wie will man feststellen, ob hinter 1.000 Aufrufen der Seite pro Monat auch wirklich 1.000 Leser stecken? Eventuell sind es nur 100 Leser, die öfter man drauf schauen und der Rest sind Crawler oder Bots, also Computerprogramme, die irgendwo auf der Welt ablaufen und die sich den Content abziehen?
  • Was bedeutet Qualitativ hochwertig?
    Kann man sowas überhaupt in Zahlen fassen? Verstehen die 1.000 Besucher alle genau das selbe unter diesem Begriff? Wo ist dieser Begriff definiert und ist er auch bei allen Lesern die Motivation, ein Blog zu lesen?

Es kann ja auch sein, dass man gezwungen ist, ein ganz schlechtes Blog zu lesen, weil nur dort bestimmte Infos zu verfügbar sind.

Die Auflagenzahlen der Bild-Zeitung sind ja auch sehr hoch. Bei der Content-Qualität teilen sich die Meinungen, wie wir wissen.

Wenn man eine seriöse Behauptung aufstellen will, dann kann man meiner Meinung nach nur sagen, dass hohe Besucherzahlen ein Indiz dafür sein können, dass der Content eines Blogs eine gewisse Qualität aufweist. Sie bedeuten aber nicht zwangsläufig eine hohe Qualität.

10 | Andreas schreibt am 31.10.2006, 12:24:

Wie die Mehrheit der Internet-Nutzer mag auch ich Listen: Wohl aufgrund der Übersichtlichkeit und weil ich das Gefühl habe, viel geboten zu bekommen. Und ich kann einzelne Punkte leicht herauspicken.

Inzwischen werden Listen als Stil- und Lockmittel überall angepriesen. Wir werden noch mehr Listen sehen und Listen werden sich so wohl etwas abschleifen.

Aber gut gemachte Listen werden mir immer gefallen, egal ob manuell oder automatisch erstellt.

Der individuelle Nutzen ist entscheidend: Qualität ist auch hier wichtiger als Quantität. Vor allem im Internet wo es zu fast jedem Thema mehr als genug in schlechter Qualität gibt.

Wenn meine Seiten in Bestenlisten auftauchten, würde ich mich freuen, auch wenn ich weiß, dass die Listen nicht wirklich objektiv sind. Es wäre trotzdem eine Bestätigung und ein Ansporn für mich und eine Chance, von Lesern entdeckt zu werden.

11 | Zelt inger schreibt am 31.10.2006, 12:46:

Ja, das is so ne sache. Die Leute sind halt alle nur auf das gute (?) alte Geld aus. Da is denen alles egal.

12 | Thomas Günther schreibt am 10.01.2007, 14:10:

Hallo,
ich sehe dies mit den Top-Listen ähnlich. Es gibt immer den Untrschied zwischen Qualität und Quantität. Auch bei Produkten ist das so. Ich schreibe beispielsweise über Wein. Da gibt es auch zunehmend Top-Listen über die besten Weine. Dies halte ich für ziemlichen Unsinn, da vielfach eine Unterschiedlichkeit und keine unterschiedliche Wertigkeit vorliegt.

Hier der Text dazu: Top 10: Die besten Weine 2006

Viele Grüße
Thomas Günther

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