ISDN - Ein Leben im Internet-Steinzeit per Zeitlupe
20.02.2008 | Persönlich, Site intern | 8 Kommentare | Print

Internet-Steinzeit - wie fühlt sie sich an? Bilder in Zeitlupe lassen eine Welt aufleben, die noch gar nicht so lange vorbei ist. Nur unsere Arbeitsgewohnheiten und das (Internet-)Leben haben sich weiterentwickelt.
ISDN - so lang ist das Zeitalter eigentlich gar nicht her, oder? Im Alltag mit immer schnelleren Datenverbindungen via DSL haben wir wohl so ganz nebenbei ein völlig neues Zeitgefühl für den Umgang mit dem Internet entwickelt.
Internet ist keine Hexerei. Geschwindigkeit macht uns abhängig. Den Zahn der Zeit gewöhnt, erlebt der Umsteiger ein Leben in der Internet-Steinzeit. ISDN bleibt der einzige Weg ins Netz. Wie schön, dass die Zeit der Modems dann doch schon vorbei ist.
Als Teilzeit-Internet-Besucher darf ich seit dem Wochenende Erfahrungen neu erleben, die schon ein paar Jahre her sind. Zeitweise fühle ich mich wie auf einer Reise in die Vergangenheit. Die Zeitmaschine ist angeworfen. In ihrem eigenen Tempo bleibt scheinbar um mich herum alles stehen. Als ob ich den Fuß vom Gaspedal genommen hätte, verlangsamen sich alle Gewohnheiten von jetzt auf gleich.
- Beim Surfen tickt plötzlich wieder die Uhr
Ein Kanal ISDN oder die doppelte Packung? Für jeden Kanal tickt die Verbindungsuhr. Will man noch per Telefon erreichbar bleiben, kann nur ein Kanal benutzt werden. Es ist, als schaut mir fortwährend Einer mit der Stoppuhr über die Schulter. »Lass Dir ruhig Zeit beim Abrufen Deiner E-Mails« flüstert er mir zu. Auch die Websites können doch ruhig ein wenig länger laden. »Mach doch einfach noch einen Download.«
- Das Laden einer Website dauert einen Kaffee lang
Mal eben eine Website öffnen, kurz eine Recherche tun. Beim Versuch meiner Frau eine Website zu zeigen, warten wir und bestaunen die in Zeitlupe erscheinenden Bilder, Grafiken und Farben. Wehe der Website, die kein CSS sondern viele Grafiken zur Darstellung der Farbgebung benutzt. Der Abruf der E-Mails bei Web.de erfordert gar noch mehr Geduld. »Bitte haben Sie etwas Geduld. Es dauert ein paar Momente, bis die E-Mail geladen sind« verkündet mein Webmail-Programm.
- Das Internet blockiert einen Telefon-Kanal
Parallel zum Abruf der E-Mail macht mein Telefon kurz: »Peep!« Die rot blinkende Taste signalisiert mir einen Anruf. Dank der Übertragung der Anrufkennung kann ich schnell zurückrufen. Ein modernes Telefon macht es möglich. Zwei belegte ISDN-Kanäle schließen dann das Tor zur großen Welt und verkünden für Anrufer ein Besetztzeichen. Natürlich kann auch ein Kollege nicht mehr nach Draußen telefonieren. Telefon, Internet und Nichts geht mehr.
- Die Entdeckung der Langsamkeit beim Arbeiten
An eine längere Arbeit an einem Internet-Projekt ist schwer zu denken. Allein der Aufbau der Seiten verlangsamt den Arbeitsfluss um ein Vielfaches. Das parallele Öffnen von mehrer Tabs im Browser grenzt an ein Wunder. Während des Downloads eines E-Mail-Anhanges von 7.2 MB kann ich in Ruhe mal Pfefferminztee brühen.
Dauerhaftes Leben mit dem Internet
Sehr schnell wird beim Arbeiten deutlich, wie sehr die Funktionen des Browser und vieler anderer Programme die dauerhafte Verbindung zum Internet benötigen. Entweder bleiben Funktionen einfach aus, werden langsamer oder stören einfach den Arbeitsfluss.
Selten haben wir die Gelegenheit, dies so anschaulich im Vergleich der Arbeitsweisen zu erleben, wie ich dieser Tage bei der Umstellung der Internet-Technik. Es hat sich einiges getan im Internet der letzten Jahre. Nicht nur die Tarife ändern sich permanent. Die gesamt Nutzungsgewohnheiten haben uns beinah abhängig gemacht.
Hilfe gibt es im Internet!
Nicht wenige Services und Dienste bieten mir die Hilfe per Internet an. Besonders witzig fand ich diesen Hinweis, als ich meine Internet-Verbindung wiederherstellen wollt. Es war Wochenende. Mit Mühe konnte ich mir die kostenfreien Telefonnummern der Telekom ins Gedächtnis rufen. Woher die hilfreichen Hinweise nehmen, wenn eben die Hilfe mal nicht verfügbar ist? Gewiss gut gemeint, nur was bitte nutzt mir hier der Hinweis, dass ich Hilfe im Internet bekommen kann?
Beim Laden meiner Website frage ich mich ernsthaft:
Sind alle Websites heute doppelt so groß wie früher?
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Kommentare und verweisende Trackbacks
zum Beitrag: ISDN - Ein Leben im Internet-Steinzeit per Zeitlupe
Kommentare
1 | Fiona schreibt am 20.02.2008, 12:33:
Und diese Steinzeit-Zustände sind mitten unter uns. Nichts mit Zonenrand oder so. 20 KM neben der Großstadt verlassen wir die schöne schnelle Breitbandwelt.
Ich selbst kann erst seit etwa 8 Wochen Feldweg-DSL nutzen und musste selbst auf diesen "Luxus" 8 Jahre lang warten. Da hilft der Hinweis "nicht allein in Zeitlupe zu leben" nicht wirklich.
2 | Webstandard-Team schreibt am 20.02.2008, 13:04:
Viele der Web2.0 Anwendungen dürften unter ISDN-Bedingungen nicht besonders angenehm zu handeln sein. Leider ist der Anteil der Nutzer, die unter solchen Bedingungen surfen immer noch so hoch, dass man ihn bei der Umsetzung berücksichtigen sollte. Was leider viel zu selten der Fall ist.
3 | blogfeuer schreibt am 21.02.2008, 10:37:
Hallo, wieviele Tage warst du jetzt offline?
Nach einem Wohnungsumzug war ich 6 Wochen ohne DSL. Ein Horror..
Da kein ISDN, musste mein 56 K Modem herhalten.
Ich leihte mir auch mal eine UMTS-Karte aus und surfte damit. Geniale 3,6 Mbit, real etwa ~512Kbit DSL Speed. Hervorragend. Schnell. Klasse.
Doch grausig war, dass grad mal bei ner Stunde surfen 50 Mbyte über die Karte gelaufen sind. Da Volumenbegrenzung, war das volumen in 3 Tagen voll..
Da bin ich wieder zurück zum Modem... Was hab ich gross gemacht? Emails abgerufen.. Und an die Frische Luft gegangen :)
4 | Dani schreibt am 21.02.2008, 10:53:
Das müsste ich nicht mehr haben, langsam und auch noch teuer.
Die Webseiten sind deutlich grösser als noch vor ein paar Jahren, vor allem die News-Portale und ähnlich.
5 | Jörg schreibt am 21.02.2008, 12:32:
@blogfeuer:
Von Samstag Morgen bis heute früh - 5 Tage insgesamt.
Ein Modem wollte ich mir dann doch nicht mehr antun. Auch wenn ich nun nicht weiß, was ich mit der ISDN-Karte machen soll.
BTW,
es war eine sehr hilfreiches Erlebnis, denn auf diese Weise wurde mir einmal mehr klar, dass wir längst noch nicht alle im Zeitalter der Hochgeschwindigkeit angekommen sind.
Trotz oder gerade deshalb sollten wir alle zusehen, den kleinsten gemeinsamen Nenner beim Leser nicht aus dem Fokus zu verlieren.
Ergo:
So viel wie nötig, nicht wie möglich!
6 | Peter schreibt am 27.02.2008, 16:32:
Das mit der Steinzeit-Zustände ist bei uns auch noch gar nicht lange her. Wir haben gerade mal seit 1 Jahr DSL und haben lange dafür kämpfen müssen, dass es bei uns endlich verfügbar wird. Gerade auf dem Lande ist das teilweise immer noch ein Problem. Da kann es sein, dass der Nachbar 100 m weiter kein DSL mehr bekommt. Ich spreche aus Erfahrung.
7 | Siegfried schreibt am 02.06.2008, 16:37:
Ich erinnere mich durchaus noch an meinen ersten 300Bd Akustikkoppler :)
Andererseits: Die Geschwindigkeit in Bits pro Sekunde kann noch so sehr wachsen, die Ansprüche und/oder Gewohnheiten bei Webseiten wachsen noch schneller. De facto haben wir heute ein Internet, as kaum schneller ist als zu Zeiten der Akustikkoppler. Nur bunter, bewegter, lauter und verspielter ist es geworden.
8 | Gerhard schreibt am 12.06.2008, 15:24:
Immer wieder lese ich vom angeblichen Zeitalter des DSL. Leider vergessen viele die in den Genuss dieser kostengünstigen Breitbandanbindung kommen, dass noch viele Nutzer mit nur 0,06 Megabit pro Sekunde im Netz unterwegs sind. DSL ist nicht flächendeckend verfügbar und wird es voraussichtlich auch nie sein.
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